Das nackte Leben
„Homo Sacer- Die Souveränität der Macht und das nackte Leben“. Vor einem Jahr brachte mich Tobias Muno auf dieses Werk des italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Und genau ein Jahr lang verstaubte die Suhrkamp Ausgabe dieses Buches in meinem Bücherschrank, bis ich es dann vor drei Wochen hervorholte, als ich wegen eines Allergieanfalls ans Bett gefesselt war.
Agambens Werk hat mich wirklich ziemlich beeindruckt. Seine Thesen ist hochaktuell und erfassen den politischen Kern der Zeit. Vor dem Hintergrund der Vorratsdatenspeicherung, der Online Durchsuchung, dem biometrischen Reisepass, der BKA-Novelle etc. wirken die Thesen von Agamben noch stärker.
Er entwirft, in Anlehnung an Michel Foucalt, eine Biopolitik. Als Antwort auf den internationalen Terrorismus und globale Flüchtlingsbewegungen wird die gesamte Gesellschaft unter Generalverdacht gestellt und systematisch erfasst. Grund- und Freiheitsrechte werden schrittweise außer Kraft gesetzt. Der Ausnahmezustand wird bei Agamben zur Norm, die politische Ordnung zur Ausnahme. Daher auch der Name des Buches: Das nackte Leben. Dies bedeutet, dass der Staat direkte Einwirkungen auf das persönliche Leben der Menschen nimmt und bis in die Privatsphäre hervordringt.
Ihr wahres Gesicht, so Giorgio Agamben, zeigt die moderne Demokratie erst dort, wo ihre eigenen Rechtsverhältnisse einen Raum der Rechtlosigkeit eröffnen. Wehe dem, der in diesen Raum hineingerät. Er ist buchstäblich geliefert, vom Recht gleichermaßen ein- wie ausgeschlossen, oder, lateinisch gesprochen, homo sacer. Sacer, jenes Adjektiv, von dem sich „sakral“ ableitet und das man gewöhnlich mit „heilig“ übersetzt, hält Agamben für ein Wort, das einem jahrhundertealten Mißverständnis zu entreißen sei. Es sei nämlich gar kein genuin religiöser Begriff, sondern das juridische Schlüsselwort, welches das Geheimnis politischer Souveränität offenbare. Die Beweislast dafür soll eine denkwürdige Stelle bei Sextus Pompeius Festus tragen: „Homo sacer aber ist derjenige, den das Volk wegen eines Vergehens verurteilt hat; und es ist Frevel, ihn zu opfern, wer ihn aber tötet, wird nicht des Mordes schuldig gesprochen“. (via)
Agambens Buch ist beim ersten Mal extrem schwer zu lesen, denn er bezieht sich auf diverse Schriftsteller und Philosophen, bei denen er vorraussetzt, dass der Leser/die Leserin das Werk der zitierten Person kennt. Trotzdem: jeder der heute in der BürgerInnenrechtsbewegung aktiv ist sollte Agambens Buch zumindestens einmal angelesen haben. Denn er entlarvt das System, welches sich hinter der neuen Sicherheitspolitik der westlichen Nationen aufgebaut hat.
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